(1945-SW)-Die letzte Chance - Kriegsfilm
 
Handlung Zweiter Weltkrieg, Oberitalien 1943. Ein deutscher Transportzug mit alliierten Kriegsgefangenen auf dem Weg nach Innsbruck wird von alliierten Fliegern angegriffen, beschossen und in Brand gesetzt. Zahlreiche alliierte Soldaten fliehen aus den lodernden Waggons. Während einige von ihren deutschen Bewachern auf der Flucht erschossen werden, können der englische Leutnant Halliday und der amerikanische Sergeant Braddock entfliehen. Sie verstecken sich im Dunkeln, übernachten auf dem Heuschober eines Bauern, der sie dabei entdeckt, und schlagen sich mit Hilfe eines italienischen Fuhrmannes, der sie in seinem Eselskarren versteckt und an den Kontrollpunkten der italienischen Faschisten durchschmuggelt, in Richtung Schweizer Grenze durch. Auf dem Weg in die rettende Freiheit begegnen die beiden der jungen Tonina, die am Fluss ihre Wäsche wäscht. Sie hilft den beiden weiter. Ein voreilig verkündeter Waffenstillstand lässt Halliday und Braddock kurz auf Frieden hoffen, doch dieser erweist sich als trügerisch. Von Toninas Onkel in Zivilklamotten gesteckt, verstecken sich Halliday und Braddock in einem Güterzug, wo sie Zeugen einer Deportation von Juden werden. Die Flucht der beiden Männer führt sie in ein Bergdorf, wo die beiden Soldaten bei der Überquerung einer kleinen Brücke von antifaschistischen Partisanen kontrolliert werden. Im Dorf lernen sie bei strömendem Regen in der Kirche den Pfarrer kennen, der ihnen ebenfalls weiterhilft. Er bringt die beiden Männer zu dem örtlichen Gasthof, einer Sammelstelle für Flüchtlinge. Soeben sind französisch-, deutsch-, holländisch- und polnischsprachige Flüchtlinge zurückgekehrt, die wegen Schneesturms vergeblich versucht hatten, die Grenze zur Schweiz zu überqueren. Halliday lernt den erfahrenen Bergführer Giuseppe kennen, und er sieht, wie ein Flüchtling, Frau Wittels, mit ihrem Sohn Bernard eintrifft. Frau Wittels hatten Halliday und Braddock bereits aus ihrem Versteck beim Juden-Deportationszug bemerkt, als sie verzweifelt versucht hatte, die Deportation ihres Mannes zu verhindern. Im Glockenturm der Dorfkirche machen die beiden alliierten Soldaten ihre entscheidende Begegnung, als sie den gleichfalls entflohenen britischen Major Telford kennenlernen. Als im Radio die Befreiung Mussolinis durch eine Sondereinheit der SS verlautbart wird, wechselt ein politisch durch und durch opportunistischer Dörfler erneut die Seiten, steckt sich sein soeben abgelegtes Parteizeichen wieder an und geht ins Tal, um die dort stationierten Deutschen zu informieren, dass sich im Dorf wieder Flüchtlinge aufhalten. Daraufhin stürmen Einheiten ins Bergdorf. Als Erste wacht Frau Wittels inmitten der Nacht auf, als sie Schüsse hört, die von der Brücke herüberhallen. Dort liefert sich die SS ein Scharmützel mit den Partisanen. Diese kehren mit Verwundeten ins Dorf zurück und fordern alle Dorfbewohner auf, den Ort zu ihrer eigenen Sicherheit sofort zu räumen. Der Dorfpriester überredet die drei alliierten Offiziere, mit den verängstigten Gasthof-Flüchtlingen augenblicklich in Richtung Grenze aufzubrechen, ehe es zu spät ist. Es ist für alle die letzte Chance. Man solle versuchen, das Dorf Giuseppes zu erreichen, denn dort sei man sicherer. Giuseppe könne erneut versuchen, alle über die Schweizer Grenze zu bringen. Während der Dorfpfarrer mit den Alten des Ortes zurückbleibt und von den deutschen Besatzern verhaftet wird, erreichen die von Telford angeführten Flüchtlinge das Nachbardorf. Doch sie finden es völlig zerstört vor. Die Häuser wurden niedergebrannt, die Männer erschossen. Und alles nur, weil die Deutschen ein einziges Gewehr im Ort gefunden hatten. Auch Giuseppe ist unter den Opfern. Die drei alliierten Soldaten beschliessen, die bunt zusammengewürfelte Flüchtlingstruppe beim Fluchtversuch in die Schweiz mitzunehmen. Ihnen schliessen sich auch mehrere kleine Kinder an, die durch den nationalsozialistischen Terror zu Waisen geworden sind. Der Aufstieg in die schneebedeckte Bergwelt bei Wind und Wetter ist vor allem für die Alten kraftraubend. Der gebrechliche Jude Hillel bricht im Schnee zusammen. Man hilft ihm wieder auf. Schliesslich erreicht die Flüchtlingstruppe eine kleine Berghütte, die vorübergehend Schutz vor dem draussen tobenden Schneesturm bietet. Dort kommt man sich auch menschlich näher. Es entsteht so etwas wie ein von tiefem Humanismus geprägtes, internationales Zusammengehörigkeitsgefühl über alle Sprachbarrieren und Mentalitätsunterschiede hinweg, das im gemeinsamen Singen des Kanons Frère Jacques kulminiert, wobei jede Person dieses Kinderlied in seiner eigenen Sprache singt. Plötzlich naht ein deutscher Trupp, und die Flüchtlinge verstecken sich nahe der Hütte. Doch die deutschen Soldaten gehen an der Hütte vorbei, in der Absicht, so rasch wie möglich die Passhöhe zur Schweiz zu besetzen, um von dort den Flüchtlingsstrom in das neutrale Nachbarland zu unterbinden. Die alliierten Soldaten hören von deren Absicht und ändern ihren Plan. Halliday schlägt vor, dass die Flüchtlinge bei Nacht an den deutschen Grenzposten vorbeischleichen sollen, während die Offiziere die deutschen Grenzwächter abzulenken versuchen. Doch Bernard Wittels hat längst seinen eigenen Plan geschmiedet. Als der Pass in Sicht ist, entfernt er sich in voller Absicht von den anderen Flüchtlingen und macht so die Deutschen auf sich aufmerksam, die ihn sofort auf ihren Skiern verfolgen. Er klettert durch den Schnee in Richtung Berggipfel und wird dabei hinterrücks erschossen. Bernards Mutter, die das alles mit ansehen muss, schreit vor Entsetzen und erweckt damit die Aufmerksamkeit der Deutschen. Sie schiessen auch auf die anderen Flüchtlinge. Während die meisten von ihnen entkommen, wird Halliday getroffen, als er einem seiner Schutzbefohlenen, dem alten Hillel, zu helfen versucht. Doch der alte Mann schafft es nicht mehr. Die Gunst des Moments nutzen die anderen Flüchtlinge und passieren unbeschadet die Grenze. Dort werden sie von einer Schweizer Grenzpatrouille in Empfang genommen. Auch Halliday kann sich schwer verletzt in die Schweiz retten. Beim Schweizer Grenzposten beginnen nun die bürokratischen Formalitäten. Die illegale Einreise in die Schweiz eröffnet neue Hindernisse. Die Flüchtlinge müssen erst einmal nachweisen, dass sie politisch verfolgt waren. Major Telford macht dem hilfsbereiten Chefgrenzer Oberleutnant Brunner klar, dass die Flüchtlinge Schreckliches durchgemacht haben und dass auf der anderen Seite des Passes ihr sicherer Tod wartet. Nach einem Telefonat gibt Bern grünes Licht, und schliesslich werden alle mit einem Lkw ins nächste Tal, in ein Flüchtlingslager, gefahren. Halliday überlebt die Fahrt nicht und wird auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt. Produktion Die letzte Chance gilt als die berühmteste Kinoproduktion der Schweiz in ihrer über einhundertjährigen Filmgeschichte. Die Dreharbeiten begannen am 8. November 1944 und wurden erst Anfang Mai 1945 beendet. Gedreht wurde überwiegend in den Schweizer Bergen. Die Aussenaufnahmen wurden vor allem im Tessin, in und um Gandria, Mergoscia, Caprino, Lamone, aber auch am Berninapass, in Filisur, Lenz, Müllheim-Wigoltingen sowie am Zürcher Güterbahnhof und am Lago Maggiore angefertigt. Die Studioaufnahmen entstanden im Filmstudio der Bellerive AG, Zürich. Neben einer Fülle von Amateurdarstellern, darunter die aus deutscher Gefangenschaft entkommenen britischen bzw. US-amerikanischen Soldaten Morrison, Hoy und Reagan, wirkten auch drei namhafte Schweizer Profischauspieler mit: Therese Giehse, Leopold Biberti und Sigfrit Steiner. Der völkerverbindende Charakter des Films wird auch durch die zahlreichen Sprachen, die in Die letzte Chance gesprochen werden, unterstrichen. Es wird dadurch hervorgehoben, dass trotz des Sprachenwirrwarrs und den damit einhergehenden, linguistischen Verständigungsschwierigkeiten eine Verständigung zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft sehr wohl möglich ist. Die letzte Chance erlebte nach seiner Welturaufführung einen internationalen Triumphzug, der seinesgleichen sucht. Innerhalb kürzester Zeit lief der Film auch in den westlichen Siegermächten an: Am 27. November 1945 in New York City, am 19. Dezember 1945 in Paris und am 1. Februar 1946 in London. Am 11. April 1946 fand der Film schliesslich auch seine deutsche Erstaufführung. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes wurde Leopold Lindtberg 1946 sowohl mit dem Hauptpreis (Grand Prix) als auch mit dem Internationalen Friedenspreis ausgezeichnet. Im Jahr darauf erhielt Die letzte Chance in Los Angeles den Golden Globe Award für denjenigen Film, der am besten für internationale Verständigung wirbt.
 
Film Originaltitel Die letzte Chance Produktionsland Schweiz Originalsprache Deutsch, Italienisch, Englisch, Schweizerdeutsch, Französisch, Jiddisch, Niederländisch, Polnisch Erscheinungsjahr 1945 Länge 113 (Original) 90 (deutsche Fassung) Minuten Altersfreigabe FSK 16 Stab Regie Leopold Lindtberg Drehbuch Richard Schweizer Produktion Lazar Wechsler für Praesens Film A.G. Zürich Musik Robert Blum Kamera Emil Berna Schnitt Hermann Haller Besetzung John Hoy: Ltnt. Halliday Ray Reagan: Sgt. Braddock Ewart G. Morrison: Major Telford Luisa Rossi: Tonina Romano Calo: Priester Therese Giehse: Frau Wittels Robert Schwarz: Bernard Wittels Eduardo Masini: Wirt Giuseppe Galeati: Fuhrmann Tino Erier: Muzio, der Spitzel Leopold Biberti: Oberleutnant Brunner Germaine Tounier: Madame Monnier Emil Gerber: Grenzwächter Ruedi Sigfrit Steiner: Schweizer Militärarzt Maurice Sakhnowsky: Hillel Berthe Sakhnowsky: Hannele, seine Nichte Rudolf Kämpf: Professor Jean Martin: Holländer Gertrud ten Cate: Holländerin Carlo Romatko: jugoslawischer Arbeiter