(1951-US)-M - Thriller
 
Handlung Ein Kindermörder versetzt Los Angeles in Angst und Schrecken. Alle Opfer wurden getötet, ohne sexuell missbraucht zu werden. Eine im Fernsehen ausgestrahlte Aufklärungskampagne der Polizei führt zu wiederholten Übergriffen gegen Unschuldige, aber nicht zur Ergreifung des Täters. Der um seine Popularität besorgte Bürgermeister übt Druck auf Polizeichef Regan und Inspektor Carney aus, so bald wie möglich den Schuldigen zu präsentieren. Die Polizei lädt in einer groß angelegten Aktion einschlägig Vorbestrafte vor und führt Razzien in von der Halb- und Unterwelt frequentierten Lokalitäten durch. Gangsterboss Marshall sieht durch die polizeilichen Aktivitäten seine Geschäfte gefährdet und befiehlt, den gesuchten Kindermörder in einer von organisierten Kriminellen, Jugendbanden und Informanten gemeinsam durchgeführten Aktion ausfindig zu machen. Das Vorhaben gelingt; bei dem Versuch, ein junges Mädchen zu entführen, wird der Serientäter Martin Harrow erkannt und von einem Jugendlichen mit einem „M“ (für „murderer“, dt. „Mörder“) auf der Kleidung kenntlich gemacht. Harrow flüchtet sich mit dem Kind in das Bradbury Building. In einem rücksichtslos durchgeführten Manöver – so misshandeln die Verfolger unter anderem einen Wachmann des Gebäudes – können die Gangster Harrow aufspüren und vor ein Femegericht stellen. Marshall lädt einen hochrangigen Pressevertreter ein, da er sich der Öffentlichkeit als treusorgender Bürger präsentieren möchte. Er zwingt den alkoholkranken Anwalt Langley, Harrows „Verteidigung“ in dem „Prozess“ zu übernehmen. Als Langley während seines Plädoyers stattdessen Marshall und seine Spießgesellen anklagt, erschießt Marshall ihn. Kurz bevor Harrow, der seine Taten mit der Gewalttätigkeit der ihn umgebenden Welt zu erklären versucht, dem lynchwütigen Mob zum Opfer fällt, wird er von der eintreffenden Polizei gerettet, um vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden. Hintergrund Original und Neuverfilmung Der Produzent Seymour Nebenzahl hatte die Idee eines Remakes von M – Eine Stadt sucht einen Mörder an Fritz Lang herangetragen. Lang, der das letzte Mal 1933 mit Nebenzahl in Das Testament des Dr. Mabuse gearbeitet hatte, lehnte eine Neuverfilmung mit Nachdruck ab. Daraufhin betraute Nebenzahl Joseph Losey mit der Neuverfilmung, ein Umstand, der zum dauerhaften Bruch zwischen Nebenzahl und Lang führte.[1] Die Rechte hatte Nebenzahl – laut Aussage Langs – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bei Langs Ex-Frau Thea von Harbou erworben. Lang bestand auch darauf, das Remake nie gesehen zu haben.[2] Die öffentlich ausgetragene Fehde zwischen den beiden Männern veranlasste Nebenzahl, seine Gründe für eine Neuverfilmung in einem Zeitungsartikel zu erklären. So gab er an, dass die psychologische Herangehensweise des Originals „antiquiert“ sei und die Problematik des Sexualstraftäters und seiner „Bedrohung für die Gesellschaft“ aktueller denn je.[3] Die Fassung von 1951 betont allerdings, dass der Täter seine Opfer nicht sexuell misshandelt, lediglich die erotisch besetzte Fixierung des Täters auf die Schuhe und Schnürsenkel der Kinder wird angedeutet. Nebenzahl produzierte M mit seiner eigens gegründeten Filmproduktionsgesellschaft Superior Films. Losey bekannte später in einem Interview, dass er aufgrund des Klassikerstatus von Langs Film den Regieauftrag nur widerwillig angenommen habe. Ausschlaggebend sei für ihn letztlich gewesen, mit Hauptdarsteller David Wayne drehen zu können, und das Bedürfnis, in Zeiten politischer Repressalien in Hollywood (während der viele linke Filmschaffende ihre Arbeit verloren, siehe Hollywood Ten und McCarthy-Ära) die Gelegenheit zur Arbeit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.[4] Die Neuverfilmung verlegt das Geschehen von Berlin nach Los Angeles, orientiert sich aber weitestgehend am Original,[5] bis hin zu einzelnen Szenen und Motiven wie der Mutter, die verzweifelt rufend auf ihr Kind wartet, und dem verirrten Luftballon, der von dessen Tod kündet. Der im Original ein Lied pfeifende Mörder spielt im Remake auf einer Flöte, um seine Opfer anzulocken, wie ein „pervertierter Rattenfänger von Hameln“ (Foster Hirsch).[6] Zu den Erweiterungen gehören eine Armee von Taxifahrern, die ebenfalls im Auftrag der Unterwelt Ausschau nach dem Mörder hält, und ein Psychologe, den die Polizei konsultiert, um Vorbestrafte zu untersuchen und ein Täterprofil zu erhalten. Auch gibt es Anspielungen auf das aktuelle politische Klima in den USA: Eine Zeugin, die trotz einer gegenteiligen Aussage insistiert, dass ein gesuchtes Kind ein rotes Kleid getragen habe, wird gefragt, ob sie Kommunistin sei, und über dem finalen Tribunal, das in einem Parkhaus abgehalten wird, prangt ein Schild mit der Aufschrift „Keep to Right“ („Rechts halten“). Produktion und Filmstart Die Dreharbeiten fanden im Frühjahr und Frühsommer 1950 statt. Losey drehte Teile des Films im verfallenden und später komplett modernisierten Stadtteil Bunker Hill von Los Angeles und im nahe gelegenen Bradbury Building, in dem unter anderem auch Szenen zu Opfer der Unterwelt (1950), Chinatown (1974) und Blade Runner (1982) aufgenommen wurden. Regieassistent war Robert Aldrich, damals ein regelmäßiger Mitarbeiter Loseys.[7][8] M startete 1951 in den USA im Verleih der Columbia Pictures[9] und am 25. April 1952 in der Bundesrepublik Deutschland.[10] Trotz positiven Echos in der amerikanischen Presse bei der Uraufführung litt M unter Repressionen, die die Aufführung behinderten; so verbot die Zensurbehörde des Bundesstaates Ohio den Film (eine Entscheidung, die später vom Supreme Court aufgehoben wurde[11]), und in Los Angeles bildeten sich Protestzüge vor den Kinos wegen der an der Produktion des Films beteiligten „Known Reds“ („bekannten Roten“).[7][12] Losey und die Darsteller Howard Da Silva, Luther Adler und Karen Morley waren von Kollegen und in der antikommunistischen Publikation Red Channels („Rote Kanäle“) der Nähe zur oder Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei bezichtigt worden.[13][14] Da Silva, Morley und Drehbuchautor Waldo Salt wurden vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe geladen, verweigerten die Aussage und fanden lange Jahre keine Beschäftigung mehr in Hollywood.[15] Losey entzog sich der Vorladung durch die Emigration nach Europa.[16] Wegen der Kontroversen, die den Film umgaben, zog Columbia M bald aus den Kinos zurück.[7] In späteren Jahren war M nur selten zu sehen, gewöhnlich im Rahmen eines Festivals wie dem Melbourne International Film Festival 1981 oder der Berlinale 2013.[17][18] Nebenzahl produzierte nur noch einen weiteren Film, den in der Bundesrepublik gedrehten Bis zum Ende aller Tage (1961). Kritik M erhielt bei seinem Kinostart vor allem Lob für die effektvolle Verwendung von Originalschauplätzen in Los Angeles, darunter vom Motion Picture Daily und dem Hollywood Reporter,[7] erntete aber auch Kritik. So bezeichnete Variety den Film als „grausam“,[19] die New York Times sprach von einem „entsetzlichen“ und „nur für Erwachsene geeigneten Produkt“.[20] In Frankreich honorierten Raymond Borde und Etienne Chaumeton M in ihrem 1955 erschienenen Standardwerk Panorama du film noir américain 1941–1953 als „würdiges Freudianisches Remake“.[21] Retrospektiv wurde M positiv besprochen, jedoch nicht ohne Vorbehalte: Für Tom Milne vom Time Out Film Guide litt der Film trotz seiner „exzellenten ersten Hälfte“ und David Waynes darstellerischer Leistung unter einem schwachen Ende.[22] Leonard Maltin sprach von einer „interessanten, intelligenten Neuinterpretation“.[23] Das Lexikon des internationalen Films dagegen wertete den Versuch, den Schauplatz aus dem Berlin der frühen 1930er Jahre in das Los Angeles von 1950 zu verlagern, als misslungen: „Die Story vom pathologischen Kindermörder, den die Unterwelt in Konkurrenz zur Polizei selbst zur Rechenschaft zieht, entzieht sich weitgehend der Übertragung auf amerikanische Verhältnisse […] und wirkt auf deutsche Betrachter schon deshalb wenig überzeugend.“[10]
 
Film Deutscher Titel M Originaltitel M Produktionsland USA Originalsprache Englisch Erscheinungsjahr 1951 Länge 88 Minuten Altersfreigabe FSK 16 Stab Regie Joseph Losey Drehbuch Norman Reilly Raine Leo Katcher Waldo Salt (Dialoge) Produktion Seymour Nebenzahl (als Seymour Nebenzal) Harold Nebenzahl (Associate Producer) Musik Michel Michelet Kamera Ernest Laszlo Schnitt Edward Mann Besetzung David Wayne: Martin W. Harrow Howard Da Silva: Inspektor Carney Martin Gabel: Charlie Marshall Luther Adler: Dan Langley Steve Brodie: Polizeileutnant Becker Raymond Burr: Pottsy Glenn Anders: Riggert Norman Lloyd: Sutro Walter Burke: MacMahan Karen Morley: Mrs. Coster Roy Engel: Polizeichef Regan Jim Backus: Bürgermeister John Miljan: blinder Ballonverkäufer